Auswandern können nur Millionäre oder Singles? Schwachsinn!

Lesezeit: 8 Minuten

Auswandern? Es hat meinen Horizont kilometerweit geöffnet. Eine unschätzbare Erfahrung!

Willst du dich frei und lebendig fühlen? Dich in einem anderen Land verwirklichen? Oder willst du deine Sprachkenntnisse verbessern und echt in die Kultur eintauchen? Ein Land in einer ganz unbekannten, vollständigen Art und Weise erfahren? Dich tief ins das Leben dort integrieren? Deinen lang gehegten Traum verwirklichen? Eine Erfahrung machen, die dir niemand mehr nehmen kann?

Dann hast du bestimmt schon mal ans auswandern gedacht. Aber du hast noch keine Ahnung, wie das geht und ob das überhaupt klappt? Oder du traust dich nicht? Oder vielleicht denkst du auch: Auswandern ist nur was für Millionäre oder Singles. Wirklich? Oder ist es vielleicht auch mitsamt deiner Fmailie möglich?

Mach es offiziell

Auch du kannst diesen Schritt schaffen. Egal wer oder was du bist, woher du kommst oder was du bisher gemacht hast.

Womit anfangen? Zunächst mit dem Glauben, dass es für dich möglich ist. Und dann? Am besten machst du dein Vorhaben allen wichtigen Leuten bekannt. Denen, die es deiner Meinung nach wissen müssen.

Du setzt dir ein konkretes Datum. Nicht Jahre entfernt in der Zukunft. Nimm etwas greifbares. Unter 1 Jahr. Oder 6 Monate. Und dann? Du machst es einfach. Hast du einmal so viele Hebel in Bewegung gesetzt, dass es kein (einfaches) zurück mehr gibt, wird es von ganz alleine.

2 Jahre Ausland

Wie soll man beginnen? Das ist unterschiedlich. Ich schildere dir meine Erfahrung von 2 Jahren in Santa Cruz. Und du merkst beim Lesen: das ist auch für mich möglich. Ich bin ja auch nur ein Mensch, so wie du. Und tausende haben das schon vorher getan. Also kannst du das auch! Du weißt? Dieses Gefühl von Abenteuer, Freiheit und Neuem. Herausforderungen, die du meisterst und das Gefühl der Zufriedenheit, dass sich einstellt.

Vorgeschichte

Das mit dem Auswandern haben wir in 3 Monaten durchgezogen. Aber die Voraussetzungen dafür wurden schon eher gelegt. 2003 habe ich mich an der Uni für Spanisch eingeschrieben. Dann habe ich 2006 mein Praktikum im Ausland gemacht. Ich wollte für mich selbst herausfinden, was es mit dem Zauber von Südamerika auf sich hat. So bin ich nach Ecuador. Genauer gesagt nach Guayaquil nahe der Pazifik-Küste. Dort habe ich 8 spannende Monate verbracht. Das beste Ereignis? Ich habe meine (damals zukünftige) Frau dort kennengelernt. Das war 2 Monate vor der geplanten Abreise. Eine echte Zwickmühle. Rational „nein“ sagte das Hirn. Aber mein Herz war klar: „Frag sie, ob sie mitkommen will. Sonst weißt du nie, ob es funktioniert.“ Also hab ich das getan. Sie war wirklich mutig und hat ja gesagt. Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass sie kein Wort deutsch konnte, noch nie in Europa gewesen war und mich noch nicht gerade lange kannte. Das Schöne? Wir haben es beide nicht bereut.

So haben wir zusammen 10 wundervolle Jahre in Deutschland verbracht. Diese Zeit war interessant, lehrreich, erfolgreich und schön für uns.

Entscheidung fällt

Aber es war eben auch wieder Zeit für etwas Neues. Und meine Liebste kommt aus Bolivien. Mein Frau wollte gern wieder in der Nähe ihrer Familie sein, die sie für ihr eigenes Gefühl zu sehr verlassen hatte. Plus: dort schien ein eigenes Haus kurz- bis mittelfristig erreichbar. Die Entscheidung fiel: Wir wandern nach Bolivien aus. Also schlugen wir eine neue Seite auf im Buch des Lebens.

Zwischen der Entscheidung und der Umsetzung lagen knapp 3 Monate. Ich glaube auch, dass es wichtig ist sich solche zeitlich Grenzen zu setzen, weil man sonst Gefahr läuft, dass es ein Traum bleibt. Mich treibt dabei immer an, dass mein Bruder nie diese Chance hatte und das auch meine geliebte Oma mal gesagt hat ich solle meine Zeit nie mit den falschen Dingen verbringen.

Santa Cruz, ich komme!

Das war wirklich spannend. Wir haben also angefangen es den wichtigen Leuten um uns herum zu erzählen. Einige fragten sogar „Gibts da überhaupt Schulen?“. Aber der überwiegende Teil der Reaktionen war positiv und bestärkend. Dann zog die Nicht-Versagen-Motivation weiter, als die anfängliche Eigen-Motivation kleiner wurde.

Jetzt war ich ja noch nie komplett ausgewandert. Was hab ich dann gemacht? Erst lange Berichte lesen? Nein, dafür bin ich zu praktisch veranlagt. Ich habe mir einfach alles vorgenommen, was mir so einfiel. Viele Dinge gekündigt. Du weißt schon: Versicherungen, Verträge und anderes Zeug, was man so im Laufe der Zeit ansammelt.

Dabei war mir wichtig einen kompletten Cut zu machen. Ich wollte nicht mit einem Bein in Deutschland bleiben. Das wäre mir echt zu doof gewesen. Und so einen großen Spagat schafft auch der beste Athlet nicht 😉

Wir haben uns auch informiert, wie man ein paar persönliche Dinge von A nach B bekommt. Wir holten Angebote von internationalen Umzugsfirmen ein. Mit etwas Geduld und Glück gerät man an hilfreiche Partner, die sogar preislich sehr akzeptabel sind. Die Abwicklung ist nicht mal so kompliziert für einen Container an sich.

Auch meine Arbeit habe ich gekündigt, die Firma von meiner Frau aufgelöst und unser Auto haben wir verkauft. Nun habe ich auch das Kind von der Schule abgemeldet und Flugtickets für uns gekauft. One-Way für Frau und Kind. Ich bin nach ein paar Wochen nochmal zurück und habe hier alles nötige abgeschlossen: gearbeitet, renoviert, Möbel gepackt, Wohnung übergeben, Geld eingesackt.

So hatten wir mit dem eliminieren verschiedener Dinge aus Deutschland am Ende einen 5-stelligen Betrag zusammen. Das sollte für einen guten Start in Santa Cruz reichen.

10.420 km später

Jetzt wurde es noch spannender: Wir hatten Deutschland wirklich hinter uns gelassen. Zunächst mussten wir etwas zum wohnen finden. Eine vorübergehende Bleibe als erste Station. Da gibt es Zimmer, die man mieten kann, wenn man nicht so viel Geld ausgeben will. Das haben wir gemacht. Schon das war ungewohnt für mich: Du wohnst in einem Zimmer im Haus von anderen Menschen nachdem du deine komplette, private Wohnung hattest. Das war so wie WG mit der Familie. Aber es sollte ja nicht lange so bleiben. Das war auch gut so. denn dort gehst du dann abends schlafen und kriegst kein Auge zu, weil einer gerade immer wenigstens einer genug Lärm macht. Mal war es der Nachbar, der 22 Uhr anfängt sein Haus zu verputzen oder es war auf dem Platz vor dem Haus eine Party angesagt oder die Kirche gegenüber beschallte das ganze Viertel. Das diente uns schnell als Orientierung wie und wo wir (nicht) wohnen wollten.

Auch der Verzicht auf sehr viele Annehmlichkeiten war anfangs herausfordernd. Aber noch wichtiger war etwas anderes. Speziell für mich. Schnell musste ich Geduld lernen. Ich investierte eine ganze Menge Zeit und Geld für meine Aufenthaltsgenehmigung. Zwei Jahre. Das war ein brauchbarer Horizont. Dann checken wir, wie es läuft.

Nebenher haben wir unseren Sohn in der Schule angemeldet und uns nach einem geeigneten Platz zum Leben umgesehen. Schnell hatten wir so etwas wie ein tropisches Paradies vor den Toren der Stadt gefunden: Laguna Azul. Meine Frau war auf dem ersten Schlag verliebt in die unglaublich vielen Blumen und das satte grün. Das komplette Gegenteil zur Stadt. Dort ist alles laut, kaputt, schmutzig und chaotisch. Wir haben ein schönes Grundstück an einem See gekauft. 200 m zum Pool. Da haben wir unser Haus bauen lassen.

Komfortzone verlassen

Anfangs habe ich noch einen normalen Job in meinem Beruf gesucht. Diese Option verwarfen wir schnell. Lächerlich wie viel man dort für wie wenig arbeiten soll. Also habe ich lieber als Freelancer und Lehrer gearbeitet. In weniger Zeit mehr verdient und konnte nebenbei sogar noch Haus bauen und 2 Online-Kurse machen. Und mittags konnte ich mein Kind von der Schule abholen, mit ihm essen und dann im Pool schwimmen gehen. Echt genial!

Das alles hätte ich mir 3 Monate vorher nicht träumen lassen. Klar war nicht immer alles einfach. Auf wundervolle Weise hat sich aber immer ein neuer Weg ergeben.

Ins Haus sind wir abenteuerlich eingezogen, als sie gerade begonnen hatten das Dach zu decken. So konnten wir den Bau besser forcieren. Leider waren die Handwerker nicht motiviert. Eine Pause nach der anderen. Da ist dann sogar mir die Geduld vergangen. Ich hab es angesprochen. „Arbeitet mehr oder ich muss euch weniger zahlen“. Sie wollten Option C: Sie sind gegangen.

Frustrationstoleranz

Dann habe ich selbst gebaut. Mein Vorteil? Von meinem Vater habe ich einiges an handwerklichem Wissen mitbekommen. Zumindest theoretischer Natur. Und heutzutage findet man ja Video-Anleitungen für alles und kann dieses Wissen schnell auffrischen. Dann gings immer direkt an die praktische Umsetzung. Das war echt meist echt anstrengend. Manchmal brauchte es viele Anläufe. Also hab ich Dach gedeckt, Wasserleitungen und Strom verlegt, verputzt und vieles mehr. Sogar Frau und Kind haben mit mir Beton gemacht und Fußboden vorbereitet.

Es hat sich gelohnt. Mit etwas selbst auferlegtem Druck war das Haus nach 2 Jahren fertig.

Und es ist immer noch ein anderes Land: Ich habe auch gelernt, dass Dinge kaputt gehen oder rosten, von denen ich es mir vorher nie gedacht hätte. So habe ich mit meiner Bohrmaschine durch Holzbalken gekämpft. Ich war kurz vor dem aufgeben. Dann war das Ding hinüber. Wer hätte das gedacht? Und in meiner wasserdichten Uhr sammelte sich innen (!) die Feuchtigkeit.

Träume verwirklichen

Das coolste daran ist aber, was ich dort lernen und tun konnte. Vieles davon hätte ich in meiner Heimat in den nächsten 20 Jahren nicht gemacht.

Wir haben zauberhafte Menschen und Orte kennengelernt. Ich liebe es dort das viele frische, super günstige Obst zu essen. Eine Staude Bananen (zirka 120 Stück) für umgerechnet 1,40 € gekauft. Das ist sogar für dortige Verhältnisse günstig. Oder wochenlang eine Mango nach der anderen essen.

Ein Wunsch meiner Frau war immer Motorrad fahren. Dort ist das relativ einfach. Wir haben einfach eins gekauft. Das hat so viel gekostet wo mein Radl aus Deutschland. Und dann fahren gelernt. Jetzt begann es auch mir Spaß zu machen. Vor allem weil dort das Wetter dafür passt und weil man damit den chaotischen Verkehr gut umgehen kann. Auch das Wetter ist echt super dafür. Man wird manchmal auch nass und schmutzig und brutzelt sich in der Sonne.Aber das ist überschaubar (-;

Und Haustiere hatten wir dort auch. Vor allem die Hunde waren eine einmalige Erfahrung. Ich habe viel gelernt bei der Tierapie. Leider ist einer spurlos verschwunden. Ja. Dort gibt’s auch gefährliche und große Schlange und Raubtiere.

Was ich vorher auch nicht gedacht hatte: Ich habe viel mehr Zeit mit meinem Sohn verbracht. Er war damals 9 Jahre. Das hat uns super zusammengebracht. Auch hier habe ich wieder viel gelernt. Und wir hatten unheimlich viel Spaß. Wir waren fast immer draußen.

Die Down-Side?

Gibts Nachteile? Ja. Aber das erstaunliche ist: Auch die könne sich zum Vorteil entwickeln. Klar strampeln wir oft erst mal kräftig, wenn uns was gegen den Strich geht. Ich habe sauviel gearbeitet. Locker 60+ Stunden die Woche. Lernte nur 5-6 Stunden pro Nacht zu schlafen. Hat mir das geschadet? Nein. Im Gegenteil. Es hat Spaß gemacht. Es fühlte sich oft nicht an wie Arbeit.

Besonders habe ich mich endlich getraut andere Dinge zu tun, die ich vorher eher nicht gemacht hätte. Ich habe diesen Blog gestartet. Ich habe größere Visionen und Ziele entwickelt. Es stachelt an, wenn man sich selbst beweist, dass es geht. Also habe ich in mich selbst investiert.

Hasta la vista, Bolivia!

Nun hatte sich im Lauf der Zeit das Leben auch um uns herum weiter entwickelt. Einerseits brauchte ich nun wieder eine neue Aufenthaltsgenehmigung. Die zwei Jahre waren schon fast rum. Und dafür wiederum noch einen neuen Pass. Anderseits hat sich die politische Situation eher angespannt. Schon damals war absehbar, dass der Präsident sein Amt nicht loslassen will und aber im Zweifelsfall mit Gewalt entfernt würde. Also war die Entscheidung klar: wir gehen zurück.

Jedoch bin ich wahnsinnig dankbar für diese Erfahrung und alles was damit verbunden ist. Auch die auf den ersten blick nicht so positiven Aspekte kann ich jetzt in einem neuen Licht sehen. Für mich sind das jetzt nicht mehr Probleme, sondern Chancen zu wachsen.

So bin ich im Juli 2019 in einen Flieger nach Deutschland gestiegen. Dort habe ich in 3 Monaten wieder alles aufgebaut was wir brauchten und dann meine wundervolle Familie nachkommen lassen. Die beiden waren übrigens die ganze Zeit echt tapfer und verständnisvoll: Wir sind ausgewandert und außerdem habe ich noch viel von ihnen verlangt. Eine bessere Begleitung hätte ich nie haben können!

Das kannst du auch!

Es ist so ein großartiger Schritt für die eigene Entwicklung und die Öffnung von deinem Horizont. Sogar dein Herz kann sich öffnen.

Es hilft dir dein ganzes Potenzial zu entfalten! Da geht viel mehr, als du dir jetzt vorstellen kannst!

Auf jeden Fall stellst du sicher, dass du es nicht am Ende deines Lebens bereust und sagst „Hätte ich das doch mal gemacht“.

Das ist eine der besten Formen seine Komfortzone zu verlassen. Warum finde ist das so wichtig? Nur so wächst du. Du erreichst deine Ziele. Siehst du, was mir alles passiert ist? Ich bereue keinen Schritt.

Sowas kann dir niemand mehr nehmen. Du verdienst es. Bleib dran!

6 Replies to “Auswandern können nur Millionäre oder Singles? Schwachsinn!”

    1. Hallo Jannes!
      Der Wohlstand im Herzen zählt doch mindestens genauso viel wie außen.
      Und es ist natürlich immer eine Frage der Perspektive..
      Du bist in Chile? Was machst du dort?
      Was hat dich dorthin gebracht?
      LG Samuel

  1. Danke. Das hast Du sehr schön geschrieben.

    Ich teile Deine Auffassung in fast allen Punkten, außer dass ich nie zurückgehen würde. M.E. ist es auch sehr wichtig wirklich anzukommen. Ich stelle hier in den USA – ganz besonders bei den Deutschen – oft fest, dass Menschen mit „angezogener Handbremse“ auswandern. Das scheitert am Ende fast immer, weil man dann im Nirgendwo endet.

    Du schreibst sehr schön, dass es ganz wichtig ist, sich auf das Negative und die Probleme auch einzulassen. Genau so ist es und das ist der wichtigste Teil Deines Beitrages. Viele Menschen möchten aber genau dies nicht. Und für diese Menschen ist Auswandern dann auch eher nichts, denn ihr Glas wird immr halb voll sein und sie trauern dem nach, was sie gerade nicht haben.

    Ich habe meine Gedanken zum Thema vor einigen Tagen auch einmal ausgedrückt: https://www.youtube.com/watch?v=XHqs-ObsRI4&t=6s

    Danke schön nochmal für diesen sehr guten Beitrag!

    1. Ja, du hast absolut Recht! Man muss natürlich voll ankommen und nicht mental „drüben“ hängen bleiben. UNd das auswandern nicht für alle ist: da bin ich voll bei dir.

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